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Dossier Silicon Taiga. von Andrzej Rybak (Akademgorodok)


30.11.2007

Der bullige rote Lastzug rollt über die Golden Gate Bridge. Auf der linken Seite zieht die Skyline von San Francisco vorbei. Doch der Fahrer hat wenig Zeit, um den Blick zu genießen: Auf der Autobahn gibt es viel Verkehr, und er ist spät dran. Bei "Hard Truck" geht es zu wie im echten Truckerleben: Nur wer schnell ans Ziel kommt, streicht einen guten Gewinn ein.

Das Computerspiel, bei dem der Spieler durch das virtuelle Kalifornien fährt, wird 10.000 Kilometer von der US-Westküste entfernt entwickelt. Genauer gesagt: in Akademgorodok bei Nowosibirsk, mitten in Sibirien. Die meisten Programmierer, die sich in ihren Büros über die Bildschirme beugen, haben die amerikanischen Wahrzeichen nie gesehen. Doch sie kennen ihren Job. "Unsere Leute gehören zu den besten der Welt", sagt Irina Trawina, Chefin des Unternehmens Softlab-NSK.

Die farbenfrohe Welt von San Francisco wirkt befremdlich in der sozialistischen Trostlosigkeit des Instituts für Automatisierung und Elektrometrie, in das sich Softlab eingemietet hat. Der Klotz wurde seit Jahrzehnten nicht renoviert. Die Gänge sind düster, überall hängen Kabel von der Decke herunter. Viele Räume sind mit Linoleum ausgelegt, von den Wänden blättert die Farbe. Doch Trawina warnt: "Unterschätzen Sie das wissenschaftliche Potenzial nicht. Auch Steve Jobs hat seinen ersten Computer in der Garage gebaut."

Anerkannter Standort für Nuklearphysik und Nanotechnologie

Akademgorodok, das "Akademiestädtchen", ist eine feste Größe in der IT-Welt. Ausländische Konzerne wie Intel und Schlumberger, HP und Microsoft, Samsung und LG haben längst ihre Entwicklungszentren in der Taiga eröffnet. Die US-Firma Axmor baut hier das Webportal für die US-Talklady Oprah Winfrey, bei SWSoft werkeln 300 Programmierer an neuer Virtualisierungssoftware. Dutzende russische Startups kommen hinzu. Die IT-Branche wächst nach Umsatz um 30 Prozent pro Jahr. In Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley wird die sibirische Forschersiedlung "Silicon Taiga" genannt.

Die Stadt mit 130.000 Einwohnern, einst technologisches Zentrum der Sowjetunion, ist längst ein anerkannter Forschungsstandort in der Nuklearphysik, der Bio- und Nanotechnologie. An 25 Instituten arbeiten 10.000 Wissenschaftler. Und die Stadt rüstet weiter auf, errichtet derzeit für 800 Mio. $ einen riesigen Technologiepark.

Mit dem Aufschwung haben viele nicht mehr gerechnet. Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, brach auch das Fördersystem der Wissenschaft zusammen. Der junge Staat war pleite: Nicht nur für Projekte fehlten die Mittel, die Forscher arbeiteten monatelang ohne Gehalt. Die einst verehrten Akademiker mussten Pilze und Beeren sammeln, Kartoffeln und Gemüse pflanzen, um zu überleben. Viele kehrten der Wissenschaft den Rücken und heuerten in der Wirtschaft an. Wer konnte, verließ das Land.

"Es war eine schlimme Zeit", sagt Gennadi Kulipanow, Vizepräsident der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften und stellvertretender Leiter des Instituts für Nuklearphysik. "Jahrelang kämpften wir nur ums Überleben. Erst jetzt können wir uns wieder der Entwicklung widmen."

Umso größer ist die Aufbruchstimmung. Mit ihrem Know-how wollen die russischen Forscher den Weltmarkt erobern. "Unsere Programmierer sind besser als die in Indien", schwärmt Alexander Schischin von der Firma Alekta, die für den Ölkonzern Lukoil eine SAP-ähnliche Unternehmenssoftware entwickelt hat. Ivan Golosow, Chef von Intel in Akademgorodok, tönt: "An keinem Standort der Welt gibt es bessere Fachleute. Wir haben exzellente Mathematiker und Chemiker, Physiker und Biologen, die nebenbei auch noch sehr gut programmieren können. Sie verstehen die Komplexität ihrer Wissenschaft und berücksichtigen sie in der Software." Keine leeren Worte: Dutzende Wissenschaftler aus Akademgorodok wurden für ihre Entdeckungen mit Preisen überhäuft, der Mathematiker Leonid Kantorowitsch erhielt gar den Nobelpreis.

Akademgorodok besticht nicht mit niedrigen Kosten, sondern mit der Qualität der Produkte. "Bei einfachen Aufträgen sind die Inder nicht zu schlagen. Wir kommen gegen ihre Löhne nicht an", sagt SWSoft-Chef Andrej Lowejko. "Wir können aber die Nischen besetzen, in denen es um komplizierte Anwendungen geht."

Der Boom in der Informationstechnologie ist erst der Anfang für die Region. "Das Potenzial bei der Biotech- oder der Nanoforschung ist weit größer", schwärmt Andrej Remjonnyj, Chef der Vereinigung SibAkademinowazja, der mehrere Technologie-Startups angehören. Der große Vorteil des Standorts: Die 25 Forschungsinstitute können Querschnittsteams aus allen Fachgebieten zusammenstellen, die hochkomplexe Probleme schnell lösen.

Dabei zeigen die alten Forschungsinstitute erstaunlichen Unternehmergeist. Sie wollen nicht mehr auf staatliche Almosen warten, sondern versuchen selbst, Geld zu verdienen. "Nur jeder vierte Rubel in unserem Budget kommt vom Staat", sagt Physiker Kulipanow. "In Akademgorodok sind wir der größte Steuerzahler."

Zwischen Krebstherapie und Ganzkörperscanner

Das Institut, an dem 2800 Menschen arbeiten, entwickelt Geräte zur Krebstherapie und Ganzkörperscanner, die Metalldetektoren in Flughäfen ersetzen sollen - und es verkauft sie bereits erfolgreich ins Ausland. Gemeinsam mit dem Institut für Zellforschung und Genetik haben die Nuklearphysiker eine Methode entwickelt, wie man die Wirkung herkömmlicher Medizin verbessern und Nebenwirkungen eliminieren kann. Das erste Produkt, ein Mittel gegen Trombosen, soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. "Wir werden eine Fabrik in Deutschland bauen, denn wir wollen unsere Mittel auch in der EU vermarkten", sagt Andrej Artamonow, Generaldirektor des Sibirischen Zentrums für Pharmakologie und Biotechnologie.

Was die Institute mit der Vermarktung ihrer Forschung einnehmen, wird zum Teil an die Mitarbeiter ausgeschüttet, zum Teil in neue Projekte gesteckt. Diese Strategie trägt Früchte: "Einige der Exilanten kehren zurück, weil sie im Ausland nur selten gleichwertige Forschungsmöglichkeiten finden", sagt Kulipanow.

Bei so viel Erfolg beginnt nun auch der Staat, die Region mehr zu fördern. Nach Jahren der Abhängigkeit von Rohstoffexporten hat der Kreml endlich die Innovationsbranchen entdeckt. Präsident Wladimir Putin hat Bildung und Forschung zu "nationalen Projekten" sagt und die Gehälter der Wissenschaftler kräftig angehoben.

Das Vorzeigeprojekt der Regierung ist der Technologiepark, der in den nächsten Jahren entstehen soll. Er wird aus modernen Bürohäusern, Forschungslaboren und Wohnungen bestehen. "Wir werden bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen", sagt der stellvertretende Gouverneur der Region Nowosibirsk Gennadi Saposchnikow. Die Unternehmen im Technopark sollen 2015 einen Umsatz von 1,5 bis 4 Mrd. Euro erzielen.

Der Technologiepark wird Akademgorodok auch ein freundlicheres Gesicht geben. Es kann nicht schaden, denn der KP-Führer Nikita Chruschtschow verbot den Stadtplanern 1957 jegliche architektonische Extravaganz. Die Gebäude sollten "sozialistische Bescheidenheit" demonstrieren. "Der Park ist lebensnotwendig", sagt der Physiker Kulipanow. Das Projekt soll eine Erneuerung der gesamten Infrastruktur ermöglichen, die 50 Jahre lang nicht modernisiert wurde. Akademgorodok wurde für 60.000 Menschen gebaut, heute leben dort doppelt so viele Einwohner.

"Die weitere Entwicklung des Wissenschaftsstädtchens wird durch Mangel an freien Büroflächen und Wohnungen gebremst", sagt Vizegouverneur Saposchnikow. "Der Technopark wird Akademgorodok einen mächtigen Schub geben."

Spitzenforschung im trostlosen Block

Die Lokalpolitik fördert den Technologieboom mit ihren Mitteln. "Wir wollen innovative Unternehmen durch Steuererleichterungen und Subventionen unterstützen", sagt Saposchnikow. "Wir müssen aber auch große Namen anlocken und so das Renommee des Standorts ausbauen." Investiert wird auch in die Universitäten. "Wir können endlich aufatmen", sagt Vera Markowa, Prorektorin der Nowosibirsker Staatsuniversität (NGU). Für die Modernisierung der Labore bewilligte Moskau zuletzt einen Extrazuschuss von 40 Mio. $.

Das Hauptgebäude der Universität ist ein trostloser grauer Block. Doch die Qualität der Ausbildung steht außer Frage. Die Hochschule gehört seit Jahren zu den 200 besten weltweit. Bei der diesjährigen Programmier-Weltmeisterschaft belegte eine NGU-Mannschaft den fünften Platz.

Früher träumten viele Studenten davon, nach ihrem Abschluss in die USA auszuwandern. Heute wollen nur noch wenige die Silicon Taiga gegen das Silicon Valley tauschen. "Was soll ich denn da?", fragt der Physikstudent Andrej Kapustin. "Unsere Taiga und der Stausee am Ob sind wunderschön. Und gutes Geld kann ich auch hier verdienen."

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